08.07.2019 13:15 Alter: 133 days

Klimawandel: Wie kommt der Wald mit langer Trockenheit zurecht?

Im Kranzberger Forst bei Freising ist ein gigantisches Freiluftlabor entstanden. Seit sechs Jahren wird dort erforscht, wie Bäume auf extreme Trockenheit reagieren. Nun werden die Bäume wieder gewässert. Sind sie dauerhaft geschädigt?

Im Kranzberger Forst bei Freising ist ein gigantisches Freiluftlabor entstanden. Seit sechs Jahren wird dort erforscht, wie Bäume auf extreme Trockenheit reagieren. Nun werden die Bäume wieder gewässert. Sind sie dauerhaft geschädigt?

Der Klimawandel betrifft auch den Wald: Große Hitze und lange Trockenperioden setzen die Bäume unter Stress. Wie sehr, das untersuchen Forscher der Technischen Universität München und des Helmholtz-Zentrums in einem Gemeinschaftsprojekt. In einem Waldstück bei Freising hat man dazu ein großes Freiluftlabor eingerichtet. Dort werden Bäume seit sechs Jahren künstlich trocken gehalten. Während der ganzen Zeit wurde gemessen, wie Wurzeln, Stamm und Blätter auf die künstliche Trockenheit reagieren.

2010 begann das Experiment im Kranzberger Forst

2010 begann das Experiment im Kranzberger Forst: Die Waldfläche - insgesamt ein halber Hektar - wurde in zwölf Parzellen aufgeteilt. Der Boden wurde regelrecht zersäg, erklärt Thorsten Grams, einer von drei Projektleitern, von der TU München: "Wir haben bis einen Meter tief reingegraben und eine sehr robuste Kunststoffplane eingezogen. Damit die Bäume, die drinnen sind, kein Wasser abbekommen von außerhalb der Plots." Die Flächen wurden geteilt in Versuchs- und Vergleichsflächen: Jeder zweite Plot erhielt eine Dachkonstruktion. Auf diese Weise konnte verhindert werden, dass Regenwasser auf den Boden fiel, so Grams.

Buchen und Fichten reagieren unterschiedlich auf Trockenheit

Im Experiment wurden Buchen und Fichten untersucht. Es zeigte sich schnell, wie unterschiedlich die Bäume auf den Trockenstress reagieren, sagt Thomas Rötzer von der TU München: Die Fichte verfalle in eine Art Ruhezustand. Sie lebt von der Substanz - "hungert" also. Abzulesen sei das an den Blattöffnungen, den sogenannten Stomata.

"Die Fichte macht sehr bald ihre Stomata zu und schränkt ihren Wasserverbrauch ein", so Rötzer. Dies habe zur Folge, "dass sie auch weniger wachsen kann. Bei der Buche ist das ganz im Gegenteil. Die Buche ist risikofreudiger, die lässt ihre Stomata offen und denkt sich, die Trockenheit wird schon nicht so lange dauern und ich wachse mal weiter."

Stufe 2: Seit Juni werden die Bäume wieder bewässert

Seit Ende Juni wird das Waldstück wieder bewässert. Die Forscher beschäftigen jetzt die Fragen: Wie reagieren die Bäume? Wie stark sind sie geschädigt - und können sie noch zu einem normalen Wachstum zurückkehren?

Um wissenschaftlich gesichertes Datenmaterial zu bekommen, haben die Wissenschaftler über sieben Fichten eine Art Wäschespinne gezogen. Es handelt sich um CO2-Begasungsanlagen. Das Kohlendioxid ist markiert. Gemessen wird, wie viel von dem markierten Gas unten ankommt. So lässt sich erkennen, ob die Bäume Kohlendioxid aufnehmen und Energie aus Photosynthese erzeugen oder weiter von ihren Reserven leben.

Sensoren messen, wie viel Wasser der Baum aufnimmt

Die Versuchsbäume wurden zudem verkabelt. Sensoren messen an den Stämmen, wie stark sich diese ausdehnen oder zusammenziehen, bis zu einem Tausendstel Millimeter genau. So könne das Schrumpfen und das Zunehmen des Baumes in der Rinde auf Grund von Veränderungen des Wasserstatus bestimmt werden, erklärt Thomas Rötzer.

Mit einem Thermalscanner wird die Oberflächentemperatur am Stamm und an den Blättern gemessen. Auch daran ließe sich erkennen, ob und wie viel der Baum trinkt: Denn wenn die Wurzeln Wasser aufnehmen, kann auch Wasser an den Oberflächen verdunsten, der Baum schwitzt. In der Folge geht die Temperatur zurück.

Nach zwölf Stunden Bewässerung kann Projektleiter Thorsten Grams bereits erste Beobachtungen präsentieren: "Wir haben gesehen, dass die Bäume nach der Wiederbewässerung sehr schnell mehr Wasser transportieren. Noch längst nicht so viel wie die Bäume, die jahrelang nicht gestresst wurden, wie die Kontrollbäume. Aber es gibt fast eine Verdoppelung des Wasserflusses in dem Baum."

Bäume halten mehr Trockenheit aus, als zuerst gedacht

Nicht so gut sieht es bei der Photosynthese aus. Die Forscher dachten, dass auch diese schnell wieder anspringen würde. Vermutlich wegen der starken Austrocknung der Stämme war dies jedoch nicht der Fall.

Thorsten Grams von der TU München ist trotzdem nicht enttäuscht. Die größte Überraschung für ihn hat sich bereits davor gezeigt: "Wir haben den Bäumen nicht zugetraut, dass sie fünf Jahre fast ohne Ausfälle auf den Sommerregen verzichten können. Das haben die Bäume viel besser überstanden, als wir gedacht haben. In unserer ersten experimentellen Planung dachten wir, den Regen im Sommer zwei, vielleicht drei Jahre entfernen zu können. Aber die Bäume haben es doch über fünf Jahre ausgehalten."

Hier der Beitrag:
https://www.br.de/nachrichten/wissen/klimawandel-wie-kommt-der-wald-mit-langer-trockenheit-zurecht,RVTAyKj

Schwaben & Altbayern vom 07.07.2019 - 17:45 Uhr